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Die Kleinstadt

Aktualisiert: 23. Feb. 2023

In einer Kleinstadt aufzuwachsen, birgt ein ganz besonderes Phänomen. Wenn du nach deiner rebellierenden Jugendzeit nicht den Absprung aus diesem Mikrokosmos schaffst, verschluckt er dich. Du wirst Bürger. Untertan, heimisch, ortsgebunden, häuslich. Eigentlich keine schlechten Attribute. Viele Menschen suchen und sehnen sich nach genau diesen, kennen nur diese, brauchen auch nur diese. Wenn du nun aber den Absprung schaffst, wartet dort draußen so viel mehr. Eine riesige Welt, unzähliger Möglichkeiten. Du kannst wählen, wohin du gehen möchtest. Oder ob du bleibst. Die Welt steht dir offen. Welch ein Privileg. Der innere Motor treibt dich an. Stillstand ist unmöglich.

Und wenn du nach der Entdeckung der Welt wieder heimkehrst, ist sie immer noch da.

Diese Kleinstadt. Unverändert. Vielleicht etwas älter, aber noch immer gleich. Der Bus fährt jeden Tag dieselbe Strecke. Die Postbotin geht stets denselben Weg und am Tresen in der Kneipe sitzen immer dieselben Gestalten.


Das Haus zu verlassen, bedeutet jedes Mal einzutauchen in die Vergangenheit. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wirst du jemanden treffen, den du kennst. Von früher, aus einem anderen Leben. Und doch ist es Teil deines gesamten Seins. Den Kopf gesenkt durch die pittoreske Altstadt. Bloß niemanden sehen. Es könnte unangenehme Erinnerungen hervorrufen. An jeder Ecke verbergen sich Bilder. Hier hattest du deinen ersten Kuss. Dort warst du das erste Mal betrunken. Um diese Ecke habt ihr euch das letzte Mal gesehen. Oh, du bist also immer noch hier. Das Leben vergeht so schnell, doch hier dreht es sich langsam. In der Kleinstadt schwirrt es dir geballt um die Ohren. Alle Phasen sind hier gebündelt.


Genau das macht dein Zuhause aus, deine Heimat. Sie ist ein Teil von dir. Und wenn du sie genauer betrachtest, versuchst unbefangen zu sein und all den Schmerz und die guten Gefühle beiseite zu lassen, ist es doch eine echt schöne Kleinstadt.


Dich in dieser kleinen Welt zurecht zu finden, fällt dir trotzdem noch immer schwer.

12 Jahre Schule, davon 8 in den gleichen altehrwürdigen Gemäuern. Den Weg dorthin kanntest du blind. Und doch kamst du viel zu oft zu spät. Nach der Schule wurden die Fragezeichen auch nicht weniger. Ein Plan vom Leben sollte her. Doch diesen zu schmieden, war schwieriger als angenommen. Der Drang, die Kleinstadt zu verlassen, war ständiger unbewusster Antrieb. Die nächstgrößere Stadt nicht weit genug. Nach vielen gescheiterten Ansätzen war die Wahl getroffen. „Einmal weite Welt, bitte. Und bitte mit Bezahlung!“


Mehrere Ozeane und etwas Land trennten dich dann von der Heimat. Das Leben wie ein Film. Ein echt spannender Streifen. Bezahlt am Strand zu liegen und die Gästezufriedenheit an der Signalstärke des WLAN festzumachen, ein Traum. Wenn das WLAN funktioniert.


Und dann scheitert dein Plan plötzlich, löst sich in Luft auf und die Welt steht still. Du kämpfst, schlägst um dich und verzweifelst an den dir selbst geschaffenen Idealen. Plan B bis M werden ausgefeilt und in die Tat umgesetzt. Doch die Idee von der unendlichen Freiheit lässt dich nicht los.

Ein Gefühl ist allerdings neu. Es nennt sich Zweifel. Ist diese Freiheit real? Oder wird sie durch ihre vermeintliche Abwesenheit zum Trugbild? Nur ein Weg ist möglich, um das herauszufinden. Sie zu leben…


Zelte werden abgebrochen, die mühsam aufgebaut wurden. Tränen fließen, die nur schwer zu trocknen sind. Doch das Endziel steht. Und Pläne zu verwerfen ist keine Option.


Die Monate der Freiheit tun dir gut. Obwohl der Schmerz des Verlusts gut verdrängt werden kann, ist er noch dein ständiger Begleiter. Allerdings überwiegen Ablenkung und das blaue Meer. Du wächst über dich und mit deinen Aufgaben. Stolz erfüllt dich, wenn du daran zurückdenkst. Das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, durchströmt jede Phase deines Körpers.


Und dann kommt alles anders. Wieder alles anders. Wieder Pläne beerdigt. Geschwindigkeit abrupt gebremst. Von 100 auf 0 in 8.2 Knoten. Du bist wieder zurück. Ungeplant, unverhofft und unglücklich. Die Kleinstadt hat dich wieder. Mit einem riesigen Haufen Zeit. Eine Kombination, die dich vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Wie kommt man zurecht in einem Uhrwerk ohne Uhr?

Wenn alle Zeiger auf Bewegung stehen und du selbst nur regungslos am Boden liegst?

Langsam richtest du dich auf und suchst nach einer Aufgabe, die dich durch den Tag bringt. Doch wenn du eine gefunden hast, prokrastinierst du. Ambivalent wie eh und je. Zum Leben zu träge und gleichzeitig unendlich unruhig. Das Leben geht weiter und du stehst in der Warteschlange, bis du wieder mitspielen darfst.


Und dann dieser Mikrokosmos der Kleinstadt. Manchmal sagt dir sogar schon dein Gefühl, wen du beim nächsten Bummel durch die Straßen treffen wirst. Irgendjemanden immer. Mittlerweile hast du allerdings Mut genug, deinen Blick auch mal zu heben. Ihn an den verzierten Häuserfassaden schweifen zu lassen. Am schönsten Giebel stehen bleiben und innehalten. Was dieses Haus wohl schon alles gesehen hat? Denn im großen Bild gesehen, bist du nur ein ganz kleiner Teil in diesem Augenblick.


Vor dir sind bereits unzählige Menschen durch diese Gassen gewandelt, haben ihr Leben hier verbracht. Teilweise unter schwierigeren Umständen. Du kommst dir albern vor, wenn du über deine Probleme nachdenkst. Dabei geht es dir so gut. Früher war das Leben hart, so sagt man.


Die Menschen, die diese Kleinstadt gebaut haben, hatten es sicher schwerer als du. Und doch sind ihre Geschichten größtenteils verstummt. Nur die alten Häuserfassaden erinnern daran, dass hier bereits Leben war, bevor Rossmann und H&M eingezogen sind.

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