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Aufbruch

Aktualisiert: 22. März 2023

Du merkst, dass du offiziell zum Rentnerclub deiner Kleinstadt gehörst, wenn Helga aus der Nachbarschaft dich an der Bushaltestelle mit in ihren Gesprächskreis aufnimmt und dir über ihre gesundheitlichen Beschwerden erzählt.


Zeit, aufzubrechen, die Kleinstadt zu verlassen und endlich wieder loszuziehen!

Eine gefühlte Ewigkeit warst du nun zurück, in Echtzeit nur vier Monate.


Und endlich geht es weiter.


Die vergangenen Tage waren für dich der pure Stress. Dein Ruhepuls pendelte sich irgendwo bei 180 ein.


Auf den letzten Drücker mussten die wichtigsten Dinge erledigt werden. Typisch. Da sollte noch eben schnell der Arbeitsvertrag ausgedruckt werden und dann streikte das Dateiformat. Der Scanner spielt auch schon wieder die Diva in deiner Oper. Nachdem du kurzzeitig unter Technik-Tourette leidest, spurten deine Geräte zum Glück wieder.


Dann bahnt sich auch schon das nächste Drama an. Ein Theaterstück hat ja schließlich meist mehrere Akte.


Wo war noch gleich dein Impfpass? Und.. wenn der Impfpass nicht an der üblichen Stelle ist… wo hast du denn überhaupt deinen Reisepass?


Die folgenden Stunden sind intensiver als jeder Krimi. Es wird geflucht, geheult, gesucht und gezittert. Nachdem dir dein Arbeitgeber versichert, dass du ohne Reisepass nicht mitfahren darfst, schleicht sich nach dem letzten Aufschrei bereits erste Resignation ein. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass deine Pläne Last Minute gecancelt werden. Ein leises „Ich hab’s doch geahnt..“ hallt noch in deinem Kopf nach.


Plötzlich fällt dein Blick auf einen unscheinbaren Beutel, dem du bisher noch keine Beachtung geschenkt hast. Ein leichtes Grinsen macht sich in deinem Gesicht breit. Ein Hoffnungsschimmer.

Aus Hoffnung wird Gewissheit und du hältst endlich deine fehlenden Dokumente in den Händen.


Entwarnung an alle Suchtruppen ausgeben! Schließlich hast du in deiner Panik jegliche Möglichkeiten in Betracht gezogen. Gedanklich warst du schon auf der Autobahn nach Holland. Auch Oma, die eifrig an der Suche beteiligt war, kann sich endlich wieder ihrem Sessel widmen.


Nachdem nun alle Hürden genommen und der Koffer gepackt ist, bist du nun endlich auf dem Weg zum Flughafen.


Das maximale Gewicht beider Gepäckstücke komplett ausgereizt, hast du jetzt schon Mitleid mit den Mitarbeitern des Bodenpersonals am Flughafen. Achtung, schwer!


Aber da man nie weiß, was das Wetter macht und wonach die Feierabendlaune verlangt, musstest du für jede Gelegenheit mindestens ein Kleidungsstück einpacken. Und Socken! Man kann niemals zu viele Socken haben. Von Unterwäsche ganz zu schweigen…


Deine Blick fällt auf die Uhr. 05:46.

09:15 ist Boarding, um 10 Uhr dann Abflug. Du brauchst noch eineinhalb Stunden zum Flughafen. Bist du gut in der Zeit? Mathe war nie deine Stärke und da du es hasst, zu spät zu kommen, bist du jetzt lieber zu früh dran. Es kann auf dem Weg ja noch so viel passieren. Den Gedanken daran, schiebst du lieber ganz schnell zur Seite.


5 Stunden Flug trennen dich dann noch von Teneriffa. 5 Stunden! Du bist ja nach einer Stunde Flug normalerweise schon total bedient. Aber nun, es nützt nichts. Wer das eine will, muss das andere mögen. Tolle Weisheit.


Du überlegst, ob du dir ein Frühstück besorgen solltest. Eigentlich hättest du für die Nerven gerade am liebsten einen Schnaps. Nicht, weil du Alkohol brauchst, um dich zu beruhigen. Eher, weil Opa immer sagte: „Trink nen Schnaps, dann wird das schon!“ Danke Opa!


Dann wird dir bewusst, dass du eigentlich gar nicht so aufgeregt bist. Eher froh, es geschafft zu haben. Endlich wieder auf dem Weg zu sein! Das Hamsterrad durchbrochen. Es geht weiter!


Als du aus der Bahn steigst, geht dir dann plötzlich doch ordentlich die Muffe. Sie saust förmlich. Zum Glück steht dein Bruder bereit, um dich vom Hauptbahnhof weiter zum Flughafen zu bringen. Zum Glück hat er eine Flasche Piccolo Sekt für die Nerven parat! Das ist echte moralische Unterstützung!!


Am Flughafen angekommen, klappt alles wie am Schnürchen. Du fühlst dich auf merkwürdige Weise wieder wie zu Hause. Oft bist du diese Wege hier lang gelaufen.


Viel zu früh am Gate beruhigt dich der Sekt weiterhin von innen und betäubt leicht die Aufregung vor dem Flug.


Die allerbeste Unterhaltung am Flughafen ist selbstverständlich, Menschen zu beobachten. Passagiere kaufen Kaffee, als würde es nie wieder etwas zu trinken geben, wühlen in ihren Koffern, starren in die Gegend, lesen oder suchen ihr Gate. Mitarbeiter füllen schon fast mechanisch Zeitungsständer mit Broschüren auf, verkaufen Getränke oder unterhalten sich gelangweilt. Mikrokosmen prallen aufeinander.


Und du? Du musst schon wieder zur Toilette, weil du vor der Sicherheitskontrolle noch schnell die mitgebrachte Wasserflasche von Mutti austrinken musstest. Und den Sekt…


Nachdem das Dringendste erledigt ist, kannst du dich endlich deinem Kreuzworträtsel widmen. Bis zum Boarding ist immer noch viel Zeit.


Als du die Maschinen der Fluggesellschaft siehst, mit der du durch die Luft befördert werden sollst, musst du schmunzeln. Sie haben bunte Streifen! Vielleicht liegt’s am Sekt, aber irgendwie erheitert es dich. Leider ist deine Maschine dann allerdings doch eine der langweiligeren. Schade!


Dann beginnt endlich das Boarding. Familien zuerst. Du fragst dich, ob wir die schreienden Kinder nicht einfach hier lassen können. Die Ungeduld macht sich langsam unter den Wartenden breit. Bei dir ist es die Nervosität. Jetzt ganz cool bleiben. Wird schon gut gehen.


Nach dem Abflug fällt erstmal jegliche Anspannung ab. Du lässt dich tiefer in deinen Sitz sinken und schließt die Augen. Geschafft! Du bist wieder unterwegs!

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